Veröffentlicht am März 15, 2024

Ein gesundes Zuhause für ein Kind mit Asthma entsteht nicht durch einzelne „Öko“-Produkte, sondern durch das Verständnis des gesamten Bausystems und die konsequente Vermeidung von Schadstoff-Cocktails.

  • Die wahre Gefahr liegt oft in der chemischen Reaktion zwischen vermeintlich harmlosen Materialien (z. B. Kleber und Bodenbelag).
  • Zertifikate allein sind keine Garantie; entscheidend ist die Prüfung des Materials im System (z. B. nach dem AgBB-Schema).

Empfehlung: Konzentrieren Sie Ihr Budget für hochwertige, schadstoffabsorbierende Materialien wie Lehmputz auf sensible Bereiche wie Schlaf- und Kinderzimmer, um maximale Wirkung bei kontrollierten Kosten zu erzielen.

Sie haben es sich so sehr gewünscht: ein eigenes, neues Haus. Ein sicherer Hafen, in dem Ihre Familie und besonders Ihr Kind mit Asthma endlich aufatmen können. Sie haben auf „wohngesunde“ Farben und „natürliche“ Böden geachtet. Doch Monate nach dem Einzug wacht Ihr Kind nachts immer noch mit Husten auf, und dieser seltsame, chemische Geruch will einfach nicht verschwinden. Diese Erfahrung ist frustrierend und verunsichert viele Bauherren, die ich in meiner Praxis als Baubiologin berate.

Die gängigen Ratschläge wie „regelmässig lüften“ oder „VOC-arme Produkte verwenden“ sind zwar ein Anfang, kratzen aber nur an der Oberfläche des Problems. Sie adressieren nicht die unsichtbare Gefahr, die in der modernen Bauweise lauert: den sogenannten Schadstoff-Cocktail. Dieser entsteht, wenn Dutzende verschiedene Chemikalien aus Baustoffen, Möbeln, Klebstoffen und Lacken in die Raumluft ausgasen und miteinander reagieren. Ein einzelnes Produkt mag für sich genommen unbedenklich sein, doch in der Summe wird die Belastung für den empfindlichen Organismus eines Kindes schnell zu hoch.

Die wahre Ursache für anhaltende Beschwerden ist selten ein einzelner Fehler, sondern ein fehlendes Verständnis für das Haus als komplexes System. Die Lösung liegt nicht darin, blind teure Öko-Produkte zu kaufen, sondern darin, die kritischen Schnittstellen zu kennen und die richtigen Fragen zu stellen – noch bevor der erste Spatenstich getan ist. Es geht darum, vom reinen Produktdenken zum ganzheitlichen Systemdenken zu gelangen.

Dieser Leitfaden wird Sie genau dabei unterstützen. Wir werden gemeinsam die entscheidenden Stellschrauben für ein wirklich gesundes Raumklima identifizieren: von der intelligenten Materialauswahl über die richtige Interpretation von Prüfsiegeln bis hin zur strategischen Entscheidung, wann eine Schadstoffmessung wirklich sinnvoll ist. Ziel ist es, Ihnen das Wissen an die Hand zu geben, um informierte und sichere Entscheidungen für die Gesundheit Ihrer Familie zu treffen.

Warum riecht Ihr neues Haus nach 6 Monaten immer noch chemisch und Ihr Kind hustet nachts?

Der typische „Neubaugeruch“ ist ein klares Warnsignal. Er stammt von flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die aus fast allen neuen Materialien ausgasen: Farben, Lacke, Klebstoffe, Bodenbeläge, Dämmstoffe und sogar Möbel. In den ersten Wochen nach dem Bau ist dieser Emissions-Peak besonders hoch. Die landläufige Meinung ist, dass diese Gerüche nach ein paar Wochen verfliegen. Doch die Realität sieht oft anders aus. Viele Materialien, insbesondere solche mit Weichmachern oder langsam reagierenden Chemikalien, gasen über Monate oder sogar Jahre hinweg Schadstoffe in geringen Dosen aus.

Das eigentliche Problem für die Gesundheit Ihres Kindes ist jedoch nicht ein einzelner Stoff, sondern der bereits erwähnte Schadstoff-Cocktail in der Raumluft. Stellen Sie es sich wie eine Suppe vor, in die jeder Handwerker und jedes neue Möbelstück eine Zutat gibt. Die Farbe bringt Lösungsmittel, der Designboden Weichmacher, die Spanplatte im neuen Schrank Formaldehyd und der Teppichkleber weitere VOCs. Jede einzelne Konzentration mag unter dem gesetzlichen Grenzwert liegen, doch ihre kombinierte Wirkung kann das Immunsystem und die empfindlichen Atemwege eines Kindes permanent reizen. Dies führt zu Symptomen wie nächtlichem Husten, gereizten Augen oder einer Verschlechterung des Asthmas, auch wenn das Haus „sauber“ riecht.

Als Baubiologin sehe ich immer wieder, dass Bauherren sich auf einzelne „gute“ Produkte konzentrieren, aber das Zusammenspiel übersehen. Ein diffusionsoffener, also „atmungsaktiver“, Wandaufbau nützt wenig, wenn er am Ende mit einer dichten Latexfarbe versiegelt wird, die das System blockiert. Der teure Massivholzboden verliert seinen gesundheitlichen Vorteil, wenn er auf einer lösungsmittelhaltigen Grundierung schwimmend verlegt wird. Die Ursache für die anhaltenden Probleme ist also oft nicht das eine, falsche Produkt, sondern eine Kette von unglücklichen, aber alltäglichen Entscheidungen im Bauprozess.

Wie wähle ich Dämmstoffe, Farben und Bodenbeläge mit Emissionsnachweisen?

Die Auswahl der richtigen Materialien ist der wichtigste Hebel, um Schadstoffe von vornherein zu vermeiden. Doch der Markt ist unübersichtlich. Werbeaussagen wie „ökologisch“, „natürlich“ oder „emissionsarm“ sind oft nicht geschützt und sagen wenig über die tatsächliche Wohngesundheit aus. Verlassen Sie sich daher nicht auf Marketing, sondern fordern Sie handfeste Beweise: die technischen Merkblätter und Emissionsnachweise.

Ein entscheidendes Qualitätskriterium in Deutschland ist die Prüfung nach dem AgBB-Schema (Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten). Dieses Prüfverfahren simuliert in einer Prüfkammer, welche und wie viele Schadstoffe ein Produkt nach 3 und nach 28 Tagen an die Raumluft abgibt. Ein Produkt, das diese Prüfung besteht, ist eine sichere Wahl. Achten Sie auf Formulierungen wie „Emissionsgeprüft nach AgBB-Schema“ im technischen Datenblatt. Gütesiegel wie der „Blaue Engel“ oder „natureplus“ basieren ebenfalls auf solch strengen Prüfungen und sind verlässliche Orientierungshilfen.

Schauen Sie sich diese Dokumente genau an. Sie sind der „Materialpass“ Ihres Baustoffs und geben Auskunft über die genaue Zusammensetzung und die Emissionswerte.

Makroaufnahme eines technischen Merkblatts mit VOC-Kennzeichnung und Prüfsiegeln

Wie Sie an den Details sehen, geht es um mehr als nur ein Logo. Suchen Sie nach konkreten Werten für VOCs, TVOC (die Summe aller VOCs) und Formaldehyd. Ein seriöser Hersteller stellt Ihnen diese Informationen transparent zur Verfügung. Zögern Sie nicht, diese Dokumente bei Ihrem Architekten, Bauträger oder direkt beim Hersteller anzufordern. Wenn man Ihnen diese verweigert oder ausweichend antwortet, ist das ein klares Alarmsignal. Ihre Hartnäckigkeit an diesem Punkt entscheidet massgeblich über die spätere Luftqualität in Ihrem Zuhause.

Soll ich Lehmputz für 80 €/m² nehmen oder Gipsputz für 30 €/m²?

Der Preisunterschied zwischen Lehm- und Gipsputz ist erheblich und lässt viele Bauherren zögern. Rein finanziell betrachtet scheint die Entscheidung klar. Doch aus baubiologischer Sicht investieren Sie mit Lehmputz nicht nur in eine Wandoberfläche, sondern aktiv in die Gesundheit Ihrer Familie und ein besseres Raumklima. Der höhere Preis relativiert sich, wenn man die einzigartigen physikalischen Eigenschaften von Lehm versteht.

Die grösste Stärke von Lehmputz ist seine Fähigkeit zur Feuchtigkeitsregulierung. Er kann überschüssige Luftfeuchtigkeit extrem schnell aufnehmen und bei trockener Luft wieder abgeben. Aktuellen Studien zufolge kann Lehmputz bis zu 20-mal mehr Feuchtigkeit speichern als Gipsputz. Das Ergebnis ist eine konstant stabile, als sehr angenehm empfundene Luftfeuchtigkeit von 45-55 %, die ideal für die Atemwege ist und das Wachstum von Schimmelpilzen hemmt. Gipsputz hingegen ist diffusionsoffener als sein Ruf, kann aber bei weitem nicht so viel Feuchtigkeit puffern.

Noch wichtiger für ein Allergiker-Haushalt ist eine weitere Eigenschaft: Lehmputz kann Schadstoffe aus der Raumluft aktiv binden und unschädlich machen. Eine Studie des Forschungsinstitutes Holzforschung Austria belegt, dass Lehmputz die Konzentration von Wohngiften erheblich senkt. Eine separate Analyse bestätigte eine Reduktion bei Formaldehyd um über 40 Prozent. Das bedeutet, der Putz agiert wie ein permanenter Luftreiniger an Ihren Wänden und neutralisiert Ausdünstungen aus Möbeln oder Bodenbelägen.

Die Lösung für das Kostenproblem liegt in der strategischen Anwendung. Sie müssen nicht das ganze Haus mit teurem Lehmputz ausstatten. Konzentrieren Sie sich auf die sensibelsten Bereiche: das Schlafzimmer und vor allem das Kinderzimmer. In diesen Räumen verbringt Ihr Kind die meiste Zeit und ist im Schlaf besonders empfänglich für Luftschadstoffe. In Fluren, dem Hauswirtschaftsraum oder dem Bad können Sie auf günstigeren Kalk- oder Gipsputz zurückgreifen. So kombinieren Sie den maximalen gesundheitlichen Nutzen mit einem optimierten Budget.

Warum ist Ihr „ökologischer“ Bodenbelag laut Test hochbelastet?

Dies ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen für gesundheitsbewusste Bauherren: Sie entscheiden sich für einen teuren, als „ökologisch“ beworbenen Bodenbelag wie Linoleum, Kork oder einen Wollteppich – und eine spätere Messung oder ein Testbericht von Magazinen wie Öko-Test zeigt eine hohe Schadstoffbelastung. Der Grund dafür liegt fast immer im ignorierten Systemgedanken. Ein Boden ist niemals nur der sichtbare Belag. Er ist ein System aus mehreren Schichten: Trittschalldämmung, eventuell eine Dampfsperre, der Klebstoff und der Belag selbst.

Der häufigste Fehler ist, nur den Bodenbelag auf Schadstoffe zu prüfen. Doch was nützt der emissionsärmste Holzboden, wenn der darunterliegende Klebstoff über Monate hinweg Lösungsmittel ausdünstet? Was hilft der Naturkork, wenn die Trittschalldämmung aus recyceltem Kunststoffgranulat besteht, das mit Weichmachern belastet ist? Die Chemikalien aus den unteren Schichten diffundieren durch den Belag hindurch und gelangen in die Raumluft. Der „gute“ Belag wird so zur unfreiwilligen Membran für den Schadstoff-Cocktail von unten.

Ein gesunder Bodenaufbau muss als Ganzes geplant und ausgeschrieben werden. Alle Komponenten müssen aufeinander abgestimmt und emissionsgeprüft sein.

Querschnitt eines schadstofffreien Bodenaufbaus mit natürlichen Materialien

Wie dieser idealisierte Querschnitt zeigt, greifen die Schichten ineinander. Fordern Sie deshalb von Ihrem Bodenleger oder Bauträger eine schriftliche Zusicherung für das gesamte Bodensystem. Lassen Sie sich die technischen Merkblätter für jede einzelne Komponente geben. Ein seriöser Fachbetrieb wird diesen Mehraufwand verstehen und unterstützen. Nur so können Sie sicher sein, dass Ihr vermeintlich ökologischer Bodenbelag auch wirklich zu einem gesunden Raumklima beiträgt.

Ihr Plan für einen schadstoffarmen Bodenaufbau

  1. Prüfsiegel für jede Schicht kontrollieren: Achten Sie auf anerkannte Siegel wie den Blauen Engel, Oeko-Tex für textile Böden oder das QUL-Siegel für Naturlatexmatratzen (gilt auch für Kleber).
  2. Systemgedanken im Angebot verankern: Fordern Sie ein Angebot, das alle Komponenten (Belag, Trittschalldämmung, Klebstoff) einzeln aufführt und deren Emissionsarmut bestätigt.
  3. Technisches Datenblatt für alles einfordern: Verlangen Sie für jede Schicht das Datenblatt mit dem Nachweis der AgBB-Prüfung oder gleichwertiger Standards.
  4. Auf vollständige Emissionsprüfung bestehen: Fragen Sie nach dem Ergebnis des 28-Tage-Tests nach DIBt-Kriterien, nicht nur nach einer allgemeinen VOC-Angabe.
  5. Schriftliche Zusicherung im Vertrag festhalten: Die wichtigste Absicherung ist ein Passus im Bau- oder Werkvertrag, der lautet: „Der gesamte Bodenaufbau wird emissionsgeprüft nach AgBB-Schema ausgeführt.“

Soll ich vor Einzug, 3 Monate danach oder gar nicht messen lassen?

Die Frage nach einer Schadstoffmessung verunsichert viele Bauherren. Ist sie notwendig? Was kostet sie? Und wann ist der richtige Zeitpunkt? Die Antwort ist: Es kommt auf das Ziel an. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht, aber eine klare Strategie, die von der jeweiligen Bauphase abhängt.

Generell gilt: Eine Raumluftmessung ist immer eine Momentaufnahme. Die Konzentrationen können je nach Lüftungsverhalten, Temperatur und Möblierung stark schwanken. Dennoch liefert sie wertvolle Hinweise, wenn sie richtig durchgeführt und interpretiert wird. Als hygienisch unbedenklich und Zielwert für die Summe aller flüchtigen organischen Verbindungen (TVOC) empfiehlt das Umweltbundesamt einen Mittelwert unter 0,3 mg/m³ in Innenräumen. Eine professionelle Messung vergleicht die gefundenen Werte mit solchen offiziellen Richtwerten.

Um Ihnen die Entscheidung zu erleichtern, habe ich die verschiedenen Messzeitpunkte und ihre jeweilige Aussagekraft in einer Tabelle zusammengefasst. Diese basiert auf Empfehlungen von Institutionen, die sich mit der Qualität von Innenraumluft befassen, wie sie etwa in Leitfäden der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zu finden sind.

Messzeitpunkte und ihre Aussagekraft
Zeitpunkt Zweck Messumfang Kosten (ca.)
Vor Einzug Abnahmemessung Bauleistung VOC, Formaldehyd, TVOC 500-800€
Nach 3-6 Monaten Nutzungsmessung inkl. Möbel Erweitert: + Weichmacher, Schimmelsporen 800-1200€
Bei Beschwerden Ursachenforschung Zielgerichtet nach Symptomatik 300-2000€

Eine Abnahmemessung vor Einzug ist sinnvoll, um die Qualität der Bauleistung zu überprüfen. Sie misst nur die Emissionen aus den fest verbauten Materialien. Dies kann als Druckmittel gegenüber dem Bauträger dienen, falls Grenzwerte überschritten werden. Eine Messung nach 3-6 Monaten gibt ein realistischeres Bild der Alltagsbelastung, da sie auch die Ausdünstungen Ihrer Möbel, Teppiche und Ihres eigenen Nutzungsverhaltens erfasst. Sie ist die aussagekräftigste Messung für die tatsächliche Lebenssituation. Eine Messung bei akuten Beschwerden dient der gezielten Detektivarbeit, um eine konkrete Quelle aufzuspüren, und ist oft der letzte Schritt, wenn alle anderen Massnahmen versagt haben.

An welchen 3 Zeichen erkenne ich, dass ich professionelle Ernährungsberatung brauche?

Auf den ersten Blick mag dieser Titel fehl am Platz wirken. Doch lassen Sie uns das Prinzip der Ernährungsberatung auf Ihr Haus übertragen. So wie unser Körper auf eine falsche Ernährung mit Symptomen reagiert, zeigt auch Ihr Haus deutlich, wenn seine „Nahrung“ – die Baustoffe – nicht stimmt oder schlecht aufeinander abgestimmt ist. Als Baubiologin bin ich quasi eine Ernährungsberaterin für Gebäude. Hier sind die 3 wichtigsten Anzeichen, dass Ihr Haus eine professionelle „Diät-Analyse“ benötigt:

1. Anhaltende „Verdauungsprobleme“ (Gerüche und Schadstoffe): Ein gesunder Körper verdaut seine Nahrung effizient. Ein gesundes Haus „verdaut“ die anfänglichen Ausdünstungen neuer Materialien innerhalb weniger Wochen. Wenn Ihr Haus auch nach Monaten noch chemisch riecht oder Sie ein unerklärliches Unwohlsein verspüren, ist das ein klares Zeichen für eine chronische „Verdauungsstörung“. Die Materialien geben mehr Schadstoffe ab, als das Lüftungskonzept und die raumluftreinigenden Oberflächen (wie Lehmputz) neutralisieren können. Das System ist überlastet.

2. „Allergische Reaktionen“ (Gesundheitliche Symptome der Bewohner): Dies ist das alarmierendste Zeichen. Wenn Ihr Kind genau dann wiederkehrenden Husten, Hautausschläge oder gereizte Augen entwickelt, wenn es sich drinnen aufhält, reagiert sein Körper auf die „Nahrung“ des Hauses. Es ist eine allergische Reaktion auf den Schadstoff-Cocktail in der Luft. So wie ein Ernährungsberater bestimmte Lebensmittel identifiziert, die eine allergische Reaktion auslösen, identifiziert ein Baubiologe die auslösenden Materialien oder Materialkombinationen im Haus.

3. „Mangelerscheinungen“ (Schlechtes Raumklima trotz guter Zutaten): Sie haben hochwertige, natürliche Materialien verwendet, aber das Raumklima fühlt sich trotzdem nicht gut an? Die Luft ist zu trocken oder zu feucht, es zieht oder es gibt kühle Wandecken? Das deutet auf einen „Nährstoffmangel“ oder eine falsche Zubereitung hin. Die guten „Zutaten“ (Materialien) können ihre positive Wirkung nicht entfalten, weil das Gesamtrezept (das Bausystem) fehlerhaft ist. Ein klassisches Beispiel ist eine unzureichende Dämmung, die zu kalten Oberflächen und Schimmelgefahr führt, obwohl die Wandfarbe ökologisch ist.

Wie ersetze ich meine 15 Kosmetikprodukte schrittweise durch natürliche Alternativen?

Auch dieser Titel lässt sich perfekt auf das Bauen übertragen. Viele moderne Baustoffe sind wie Kosmetik: Sie sollen eine Oberfläche schnell und günstig schön machen, überdecken aber nur die darunterliegende Substanz. Eine Vliestapete oder eine Latexfarbe ist wie eine dicke Schicht Make-up – sie sieht vielleicht gut aus, lässt die „Haut“ (die Wand) aber nicht mehr atmen. Auf Dauer führt dies zu einem ungesunden Milieu. Ein wohngesundes Haus braucht keine Kosmetik, sondern eine gesunde, atmungsaktive Haut. Hier ist der schrittweise Plan, um die „Kosmetikprodukte“ in Ihrem Haus durch echte, natürliche Alternativen zu ersetzen.

Schritt 1: Die „Inhaltsstoffe“ analysieren (Detox-Phase): Identifizieren Sie die problematischen „Kosmetika“. Dazu gehören typischerweise Vinyl- und Vliestapeten, Dispersionsfarben mit hohem Kunststoffanteil, Laminatböden und lackversiegelte Oberflächen. Diese Produkte bilden eine dichte, nicht atmungsaktive Schicht. Sie können Schadstoffe enthalten und behindern die wichtige Fähigkeit der Wände, Feuchtigkeit zu regulieren.

Schritt 2: Die „Haut“ vorbereiten (Reinigungsphase): Bevor Sie natürliche Alternativen auftragen können, muss die Haut gründlich gereinigt werden. Das bedeutet: Alte Tapeten restlos entfernen, Kleisterreste abwaschen und alte, dichte Farbschichten abschleifen oder abbeizen. Dieser Schritt ist mühsam, aber absolut entscheidend. Eine diffusionsoffene Silikatfarbe auf einer alten Latexfarbe aufzutragen, ist sinnlos.

Schritt 3: „Nährende“ Pflege auftragen (Aufbauphase): Ersetzen Sie die entfernten Schichten durch wirklich atmungsaktive und gesunde Alternativen. Für Wände sind das Silikatfarben, Kalkfarben oder eben der bereits besprochene Lehmputz. Für Holzböden und Möbel sind es natürliche Hartwachsöle oder Wachse anstelle von Kunststofflacken. Diese Produkte versiegeln die Oberfläche nicht, sondern dringen in das Material ein, schützen es und lassen es gleichzeitig atmen. Sie unterstützen aktiv ein gesundes Raumklima, anstatt es zu belasten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Hauptrisiko ist der „Schadstoff-Cocktail“ aus der Summe vieler Einzelstoffe, nicht ein einzelnes Produkt.
  • Verlassen Sie sich auf handfeste Emissionsnachweise (z.B. AgBB-Prüfung), nicht auf Werbeaussagen wie „öko“.
  • Ein gesunder Boden ist ein System: Belag, Kleber und Dämmung müssen alle emissionsarm sein.

Wie halbiere ich meine Energierechnung durch gezielte Dämmung ohne 80.000 € Vollsanierung?

Die Themen Energieeffizienz und Wohngesundheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Eine gezielte, klug geplante Dämmung senkt nicht nur drastisch Ihre Heizkosten, sie ist auch eine der wirksamsten Massnahmen zur Vorbeugung von Schimmel – einem der grössten Feinde für Asthmatiker. Sie müssen dafür keine teure Komplettsanierung durchführen. Der Schlüssel liegt darin, die energetischen Schwachstellen Ihres Hauses zu identifizieren und dort mit den richtigen, diffusionsoffenen Materialien anzusetzen.

Die grössten Wärmeverluste und damit die grössten Risiken für Schimmelbildung treten an sogenannten Wärmebrücken auf. Das sind Stellen, an denen Wärme schneller nach aussen entweicht als an angrenzenden Bauteilen. Typische Beispiele sind ungedämmte Rollladenkästen, alte Fensterlaibungen, ungedämmte Kellerdecken oder die oberste Geschossdecke zum kalten Dachboden. An diesen kalten Oberflächen kondensiert die warme, feuchte Raumluft – der perfekte Nährboden für Schimmelpilze, deren Sporen hochallergen sind.

Eine gezielte Dämmung dieser kritischen Punkte ist oft mit überschaubarem Aufwand möglich und hat einen enormen Effekt. Die Dämmung der obersten Geschossdecke zum Beispiel ist eine der rentabelsten Einzelmassnahmen überhaupt. Anstatt die gesamte Fassade einzupacken, konzentrieren Sie sich auf diese Hotspots. Wichtig ist dabei die Materialwahl: Verwenden Sie diffusionsoffene Dämmstoffe wie Holzfaser, Zellulose, Hanf oder Kork. Diese können, ähnlich wie Lehmputz, Feuchtigkeit puffern und tragen so zusätzlich zu einem besseren Raumklima bei. Sie verhindern, dass Feuchtigkeit in der Konstruktion eingeschlossen wird, was bei unsachgemässer Dämmung mit dichten Materialien wie Styropor (EPS) passieren kann.

Eine gut gedämmte und atmungsaktive Gebäudehülle schafft nicht nur thermische Behaglichkeit ohne kalte Ecken, sie ist die Grundvoraussetzung für ein dauerhaft schimmelfreies und damit gesundes Zuhause. Die eingesparten Energiekosten sind dabei ein willkommener Nebeneffekt Ihrer Investition in die Gesundheit. So wird aus einer reinen Effizienzmassnahme eine aktive Gesundheitsvorsorge für Ihre Familie.

Um diese Prinzipien erfolgreich auf Ihr individuelles Bauvorhaben anzuwenden und kostspielige Fehler zu vermeiden, ist eine professionelle Planung unerlässlich. Der nächste logische Schritt ist eine unabhängige baubiologische Beratung, die Ihre spezifische Situation analysiert und einen massgeschneiderten Fahrplan für Ihr wohngesundes Zuhause erstellt.

Geschrieben von Katharina Zimmermann, Katharina Zimmermann ist Diplom-Architektin und zertifizierte Baubiologin (IBN) mit 16 Jahren Erfahrung in nachhaltigem Bauen und energetischer Altbausanierung. Sie leitet ein Architekturbüro in München, das sich auf wohngesunde, energieeffiziente Umbauten und barrierefreie Wohnkonzepte spezialisiert hat.