
Der Schlüssel zu einer wirksamen Krebstherapie liegt nicht nur im richtigen Medikament, sondern in Ihrer Fähigkeit, das deutsche Gesundheitssystem strategisch zu navigieren.
- Entschlüsseln Sie das einzigartige molekulare Profil Ihres Tumors als Grundlage für alle Entscheidungen.
- Beherrschen Sie die administrativen Schritte zur Beantragung eines Tumorprofilings und der Kostenübernahme durch Ihre Krankenkasse.
- Verwandeln Sie die Wartezeit auf Ergebnisse in eine Phase der aktiven Vorbereitung für Ihre Therapie.
Empfehlung: Übernehmen Sie die Kontrolle, indem Sie das Gespräch über ein molekulares Profiling mit Ihrem Behandlungsteam so früh wie möglich initiieren.
Die Diagnose Krebs ist ein erdbebenartiges Ereignis. Nach dem ersten Schock folgt eine Flut von Informationen, Fachbegriffen und Therapieplänen. Oft wird schnell eine Standard-Chemotherapie vorgeschlagen – ein bewährtes Protokoll, das vielen hilft. Doch dann hören Sie von der Zimmernachbarin, bei der dieselbe Therapie fantastisch anschlägt, während Sie selbst mit starken Nebenwirkungen und geringem Erfolg kämpfen. Diese Erfahrung ist zutiefst frustrierend und wirft eine fundamentale Frage auf: Warum ist das so und gibt es einen besseren, einen individuelleren Weg?
Die Antwort liegt in der modernen Präzisionsonkologie. Die Vorstellung, dass „Krebs gleich Krebs“ ist, ist längst überholt. Heute wissen wir, dass jeder Tumor so einzigartig ist wie ein Fingerabdruck, geprägt durch spezifische genetische Veränderungen. Die Standardtherapie ist wie ein Schlüssel, der für viele Schlösser passt, aber nicht für alle perfekt schliesst. Die personalisierte Medizin hingegen zielt darauf ab, für Ihr ganz spezifisches „Tumorschloss“ den exakt passenden „Schlüssel“ zu finden. Doch der Weg dorthin erscheint oft wie ein Labyrinth aus Anträgen, Wartezeiten und Fachjargon.
Dieser Artikel ist Ihr wissenschaftlich fundierter und zugleich pragmatischer Kompass. Wir gehen über die blosse Erklärung der personalisierten Medizin hinaus. Wir geben Ihnen die strategischen Werkzeuge an die Hand, um als informierter Patient – als Partner Ihrer Ärzte – die bestmögliche Therapie für sich zu finden. Es geht nicht darum, die Chemotherapie abzulehnen, sondern darum zu verstehen, wann sie die richtige Wahl ist und wann ein genauerer Blick unter die Oberfläche Ihres Tumors über den Therapieerfolg entscheiden kann. Es geht um Ihre therapeutische Souveränität in einer herausfordernden Zeit.
In den folgenden Abschnitten führen wir Sie Schritt für Schritt durch diesen Prozess: vom Verständnis der biologischen Einzigartigkeit Ihres Tumors über die konkrete Beantragung eines molekularen Profilings bis hin zur strategischen Nutzung der unvermeidlichen Wartezeiten. So erlangen Sie Klarheit und Kontrolle über Ihren Behandlungsweg.
Inhaltsverzeichnis: Ihr Wegweiser zur personalisierten Krebstherapie
- Warum schlägt die Chemotherapie bei Ihrer Zimmernachbarin an, bei Ihnen aber nicht?
- Wie beantrage ich ein Tumorboard und molekulares Profiling über meine Krankenkasse?
- Soll ich die Standardtherapie nehmen oder ein Medikament, das für meinen Tumor nicht zugelassen ist?
- Warum warten Sie 6 Wochen auf Testergebnisse, während der Tumor weiterwächst?
- Wann sollte ich eine Zweitmeinung einholen: vor Therapiebeginn oder erst bei Nichtansprechen?
- Wie kombiniere ich Gentest, Blutwerte und Lifestyle-Daten zu einem sinnvollen Vorsorgefahrplan?
- Wie bekomme ich eine Diabetes-App vom Arzt verschrieben und von der Kasse erstattet?
- Wie passe ich meine Vorsorge an mein persönliches Risikoprofil an statt Standardempfehlungen zu folgen?
Warum schlägt die Chemotherapie bei Ihrer Zimmernachbarin an, bei Ihnen aber nicht?
Diese quälende Frage hat eine wissenschaftliche Antwort: Tumorheterogenität. Stellen Sie sich einen Tumor nicht als eine einheitliche Masse vor, sondern als eine komplexe Kolonie von Zellen, eine Art Mosaik mit vielen verschiedenen Steinen. Während einige Zellgruppen auf eine Chemotherapie ansprechen, können andere resistent sein und weiterwachsen. Noch wichtiger ist, dass sich die Tumore zweier Patienten, selbst bei gleicher Diagnose wie „Brustkrebs“ oder „Lungenkrebs“, auf molekularer Ebene dramatisch unterscheiden können. Jeder Tumor hat seine eigene „Landkarte“ an genetischen Mutationen, die sein Wachstum antreiben.
Die Standard-Chemotherapie wirkt oft breit und unspezifisch, indem sie alle sich schnell teilenden Zellen angreift – Tumorzellen wie auch gesunde Zellen (z. B. in den Haarwurzeln oder der Darmschleimhaut), was die bekannten Nebenwirkungen erklärt. Die Präzisionsonkologie verfolgt einen anderen Ansatz. Sie analysiert die spezifischen Mutationen (die „Achillesfersen“) Ihres Tumors und setzt gezielte Medikamente ein, die genau diese Schwachstellen attackieren. Dieses „Schlüssel-Schloss-Prinzip“ ist weitaus präziser und oft schonender. Ein gutes Beispiel ist die Behandlung in deutschen Lungenkrebszentren, wo Tumorgewebe routinemässig genetisch analysiert wird, um gezielt Medikamente einzusetzen, die bestimmte mutierte Proteine blockieren.
Die Prognose kann ebenfalls von dieser zellulären Vielfalt abhängen. Wie Studien zur Tumorheterogenität zeigen, werden bei Patienten mit hoher intratumoraler Heterogenität häufiger schlechtere Prognosen gestellt, da die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass resistente Zellklone die Therapie überleben. Das Verständnis dieser Komplexität ist der erste Schritt, um zu erkennen, warum eine „One-size-fits-all“-Lösung oft nicht ausreicht und warum ein molekulares Profiling so entscheidend sein kann.
Wie beantrage ich ein Tumorboard und molekulares Profiling über meine Krankenkasse?
Der Weg zu einer personalisierten Therapie in Deutschland ist klar strukturiert, erfordert aber Ihre aktive Beteiligung. Es ist ein Prozess der System-Navigation, den Sie nicht alleine gehen müssen. Der zentrale Ansprechpartner ist Ihr behandelnder Onkologe, der Sie an ein zertifiziertes Zentrum überweisen kann. Der erste Schritt ist die Vorstellung Ihres Falls in einem interdisziplinären molekularen Tumorboard. Hier besprechen Experten verschiedener Fachrichtungen (Onkologen, Pathologen, Humangenetiker, Bioinformatiker) Ihre Befunde und prüfen, ob ein molekulares Profiling medizinisch sinnvoll ist.
Dieses Profiling, auch Genomsequenzierung genannt, entschlüsselt die genetische Signatur Ihres Tumors. Deutschland verfügt hierfür über eine exzellente Infrastruktur. So umfasst beispielsweise das Deutsche Netzwerk für Personalisierte Medizin mittlerweile 26 Universitätskliniken, die als Zentren für Personalisierte Medizin (ZPM) hochmoderne Diagnostik und Therapieempfehlungen anbieten. Diese Zentren sind oft die richtige Anlaufstelle für komplexe Fälle.

Die Kostenübernahme für die Diagnostik ist in vielen Fällen bereits etabliert, insbesondere an diesen universitären Zentren. Schwieriger kann die Kostenübernahme für die anschliessende, oft teure, gezielte Therapie sein, falls diese nicht standardmässig für Ihre Indikation zugelassen ist. Hier wird Ihr Arzt einen begründeten Antrag bei Ihrer Krankenkasse stellen. Seien Sie auf mögliche Rückfragen oder eine Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) vorbereitet. Eine gute Dokumentation und eine klare medizinische Begründung sind hier das A und O.
Ihr Fahrplan zur Kostenübernahme: Die 5 entscheidenden Schritte
- Gespräch vorbereiten: Erstellen Sie eine Checkliste mit konkreten Fragen zur molekularen Diagnostik für das Gespräch mit Ihrem Onkologen. Fragen Sie gezielt nach der Möglichkeit einer Vorstellung im Tumorboard.
- Antragstellung am Zentrum: Kontaktieren Sie mit Unterstützung Ihres Arztes eines der zertifizierten onkologischen Zentren oder ZPMs in Deutschland für die Durchführung der Diagnostik.
- Ärztlicher Antrag bei der Kasse: Ihr Arzt reicht den Antrag auf Kostenübernahme für die Diagnostik und später für die Therapie bei Ihrer Krankenkasse ein, untermauert mit einer detaillierten Begründung der medizinischen Notwendigkeit.
- Bei Ablehnung Widerspruch einlegen: Sollte der Antrag abgelehnt werden, legen Sie Widerspruch ein. Verweisen Sie dabei auf § 2 Abs. 1a SGB V (Anspruch auf Behandlung bei lebensbedrohlichen Erkrankungen) und klären Sie die Rolle des MDK.
- Zwei getrennte Prozesse verstehen: Machen Sie sich bewusst, dass die Kostenübernahme für die Diagnostik (das Profiling) und die Kostenübernahme für das daraus resultierende Medikament zwei separate Schritte sind.
Soll ich die Standardtherapie nehmen oder ein Medikament, das für meinen Tumor nicht zugelassen ist?
Nach einem molekularen Profiling können Sie vor einer komplexen Entscheidung stehen: Die Analyse hat eine spezifische Mutation gefunden, für die es ein zielgerichtetes Medikament gibt. Der Haken: Das Medikament ist für eine andere Krebsart zugelassen, aber nicht für Ihre. Dies nennt man Off-Label-Use. Hier beginnt die Phase der Entscheidungsarchitektur, bei der Sie gemeinsam mit Ihren Ärzten die Vor- und Nachteile abwägen müssen.
Die Standardtherapie bietet den Vorteil einer soliden Evidenz aus grossen Studien und einer gesicherten Kostenübernahme. Ihr Nebenwirkungsprofil ist gut bekannt. Der Off-Label-Use hingegen basiert oft auf kleineren Studien, Fallberichten und der biologischen Plausibilität. Die Kostenübernahme ist eine Einzelfallentscheidung der Krankenkasse und erfordert einen aufwendigen Antrag. Rechtlich gibt es in Deutschland jedoch eine wichtige Grundlage. Wie das Bundessozialgericht in einem wegweisenden Urteil feststellte:
Die GKV muss die Kosten für eine Behandlung mit einem nicht zugelassenen Arzneimittel übernehmen, wenn Patienten an lebensbedrohlichen Erkrankungen leiden, es keine alternative Behandlungsmöglichkeit gibt und eine nicht ganz fernliegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht.
– Bundessozialgericht, Nikolaus-Urteil zur grundrechtsorientierten Leistungsausweitung
Diese Regelung ist Ihr Anker im Gespräch mit der Krankenkasse, wenn keine zugelassene Therapieoption mehr zur Verfügung steht oder versagt hat. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kriterien für Ihre Entscheidung zusammen, basierend auf Informationen zum Off-Label-Use.
| Kriterium | Standardtherapie | Off-Label-Use |
|---|---|---|
| Evidenzgrad | Grosse randomisierte Studien | Fallberichte, kleinere Studien |
| Kostenübernahme | Automatisch durch G-BA-Beschluss | Einzelfallentscheidung erforderlich |
| Nebenwirkungsprofil | Gut dokumentiert | Potenziell weniger bekannt |
| Zeitfaktor | Sofort verfügbar | Wartezeit auf Genehmigung möglich |
| Rechtliche Grundlage | Zugelassene Indikation | § 2 Abs. 1a SGB V bei lebensbedrohlichen Erkrankungen |
Die Entscheidung ist niemals schwarz-weiss. Sie hängt von Ihrer individuellen Situation, dem Krankheitsstadium, verfügbaren Alternativen und Ihrer persönlichen Risikobereitschaft ab. Ein offenes Gespräch mit Ihrem Onkologen und oft auch eine Zweitmeinung sind hier unerlässlich.
Warum warten Sie 6 Wochen auf Testergebnisse, während der Tumor weiterwächst?
Die Zeit zwischen der Biopsie und dem Erhalt der molekularen Testergebnisse kann eine der nervenaufreibendsten Phasen der gesamten Behandlung sein. Sechs Wochen oder länger können sich wie eine Ewigkeit anfühlen, während man das Gefühl hat, der Tumor bekäme wertvolle Zeit zum Wachsen. Es ist wichtig zu verstehen, warum dieser Prozess so lange dauert. Es ist keine administrative Verzögerung, sondern ein hochkomplexer wissenschaftlicher Vorgang.
Nach der Entnahme wird Ihre Gewebeprobe aufbereitet, die DNA extrahiert, sequenziert und anschliessend von Bioinformatikern analysiert. Diese suchen in Milliarden von Datenpunkten nach den relevanten Mutationen – wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Anschliessend werden die Ergebnisse im molekularen Tumorboard interpretiert, um eine fundierte Therapieempfehlung abzugeben. Diese Sorgfalt braucht Zeit. Anstatt diese Phase passiv zu erleiden, können Sie sie in eine „Aktive Wartezeit“ verwandeln. Nutzen Sie diese Zeit, um sich körperlich und mental auf die bevorstehende Therapie vorzubereiten und die nächsten Schritte zu planen.

Diese proaktive Haltung gibt Ihnen ein Gefühl der Kontrolle zurück und stellt sicher, dass Sie bei Erhalt der Ergebnisse sofort handlungsfähig sind. Sie verwandeln Angst und Unsicherheit in gezielte Vorbereitung. Hier ist ein konkreter Aktionsplan, inspiriert von den Empfehlungen von Zentren wie dem CIO Aachen:
- Zweitmeinung vorbereiten: Nutzen Sie die Zeit, um parallel eine Zweitmeinung bei einem der anderen ZPM-Zentren in Deutschland anzustossen.
- Fragenkatalog erstellen: Entwickeln Sie einen gezielten Fragenkatalog für das Gespräch mit Ihrem Arzt, sobald die Ergebnisse vorliegen (z.B. „Welche Evidenz gibt es für diese Empfehlung?“, „Was sind die erwarteten Nebenwirkungen?“).
- Psychoonkologische Unterstützung suchen: Kontaktieren Sie Dienste wie die der Deutschen Krebshilfe. Ein Gespräch kann helfen, die emotionale Belastung zu bewältigen.
- Ernährungsberatung in Anspruch nehmen: Nutzen Sie die Zeit, um Ihre Ernährung zu optimieren und den Körper bestmöglich für die kommende Therapie zu stärfen.
- Physiotherapie beginnen: Beginnen Sie mit angepasster Physiotherapie, um Ihre körperliche Verfassung und Belastbarkeit zu verbessern.
Wann sollte ich eine Zweitmeinung einholen: vor Therapiebeginn oder erst bei Nichtansprechen?
Die Entscheidung für oder gegen eine Zweitmeinung ist oft von Unsicherheit geprägt. Viele Patienten zögern, aus Sorge, das Vertrauensverhältnis zu ihrem behandelnden Arzt zu stören. Doch in Deutschland ist das Recht auf eine Zweitmeinung gesetzlich verankert und wird von Ärzten als professioneller und legitimer Schritt angesehen. Die entscheidende Frage ist der richtige Zeitpunkt. Die klare Empfehlung lautet: Holen Sie eine Zweitmeinung so früh wie möglich ein, idealerweise vor dem Beginn einer neuen, eingreifenden Therapie und nicht erst, wenn diese bereits versagt hat.
Eine frühzeitige Zweitmeinung hat mehrere Vorteile. Sie kann den initialen Therapieplan bestätigen, was Ihnen Sicherheit und Vertrauen gibt. Oder sie kann alternative Perspektiven oder Therapieoptionen aufzeigen, die bisher nicht in Betracht gezogen wurden – beispielsweise die Teilnahme an einer klinischen Studie. Dies ist besonders wichtig in komplexen Situationen, wie bei seltenen Tumorarten, bei Uneinigkeit im ersten Tumorboard oder wenn eine Off-Label-Therapie vorgeschlagen wird. Zu warten, bis eine Therapie nicht mehr anschlägt, bedeutet oft wertvollen Zeitverlust und eine potenziell schlechtere körperliche Verfassung für eine Folgetherapie.
Der Prozess ist unkomplizierter, als viele denken. Sie benötigen Ihre vollständigen medizinischen Unterlagen (Arztbriefe, Pathologie-Befunde, Bildgebung auf CD), die Sie oder Ihre Arztpraxis an das Zweitmeinungszentrum übermitteln. Viele der grossen onkologischen Zentren in Deutschland bieten mittlerweile strukturierte Zweitmeinungsprogramme an, oft auch digital. Zögern Sie nicht, diesen wichtigen Schritt zu gehen, um die bestmögliche Entscheidungsarchitektur für Ihren individuellen Weg zu schaffen.
Wie kombiniere ich Gentest, Blutwerte und Lifestyle-Daten zu einem sinnvollen Vorsorgefahrplan?
Ein molekulares Profiling liefert die genetische Blaupause Ihres Tumors. Doch für eine ganzheitliche Therapie und Nachsorge ist dies nur ein Teil des Puzzles. Die wahre Stärke der personalisierten Medizin liegt in der Daten-Synthese: der intelligenten Kombination von Gentests, regelmässigen Blutwerten (Tumormarkern) und von Ihnen selbst erfassten Lifestyle-Daten wie Symptomen, Befinden und Aktivitätslevel. Dieser integrierte Ansatz ermöglicht es Ihrem Ärzteteam, nicht nur die Therapie zu steuern, sondern auch supportive Massnahmen optimal zu timen und Ihre Lebensqualität zu verbessern.
Ein hervorragendes Werkzeug hierfür sind Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), also „Apps auf Rezept“. Diese Apps sind weit mehr als nur einfache Tagebücher. Sie sind vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüfte Medizinprodukte, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden können.
Fallbeispiel: DiGAs zur Unterstützung von Krebspatienten
Digitale Gesundheitsanwendungen wie Mika, Cankado oder Fimo unterstützen Krebspatienten bei der strukturierten Erfassung von Nebenwirkungen und Symptomen. Patienten dokumentieren täglich ihr Schmerzlevel, ihre Aktivität und ihr allgemeines Befinden. Diese präzisen, im Alltag gesammelten Daten geben Ärzten eine viel klarere Sicht auf den Therapieverlauf als eine kurze Momentaufnahme im Sprechzimmer. Sie helfen dabei, Therapieanpassungen frühzeitig vorzunehmen und supportive Massnahmen wie Schmerztherapie oder Ernährungsberatung genau dann einzuleiten, wenn sie am dringendsten benötigt werden.
Indem Sie diese Daten aktiv sammeln, werden Sie vom passiven Patienten zum aktiven Partner im Therapieprozess. Sie liefern die entscheidenden Informationen aus Ihrem Alltag, die es den Ärzten ermöglichen, die wissenschaftlichen Daten des Gentests und der Blutwerte in den Kontext Ihres realen Lebens zu setzen. So entsteht ein dynamischer, personalisierter Vorsorge- und Behandlungsfahrplan, der sich kontinuierlich an Ihre Bedürfnisse anpasst.
Wie bekomme ich eine Krebs-App vom Arzt verschrieben und von der Kasse erstattet?
Der Zugang zu einer Digitalen Gesundheitsanwendung (DiGA) – einer „App auf Rezept“ – ist in Deutschland klar geregelt und für Patienten unkompliziert gestaltet. Wenn Sie und Ihr Arzt entscheiden, dass eine solche App Sie im Therapiealltag unterstützen kann, ist der Prozess zur Kostenübernahme durch Ihre gesetzliche Krankenkasse standardisiert. Diese Apps, wie beispielsweise Mika für Krebspatienten, sind als Medizinprodukte zertifiziert und dienen der aktiven Begleitung und dem Symptommanagement.
Der Weg zur Nutzung einer solchen App lässt sich in wenige, klare Schritte unterteilen. Der entscheidende Ausgangspunkt ist immer das Gespräch mit Ihrem behandelnden Arzt, der die medizinische Notwendigkeit feststellt und den Prozess in Gang setzt. Die folgende Anleitung zeigt Ihnen, wie Sie vorgehen müssen, um eine solche digitale Unterstützung zu erhalten und die Kosten erstattet zu bekommen.
- Arztgespräch führen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Möglichkeit, eine DiGA zu nutzen. Er wird die medizinische Notwendigkeit für Ihre spezifische Situation bewerten.
- Rezept ausstellen lassen: Wenn die Nutzung sinnvoll ist, stellt Ihnen Ihr Arzt ein reguläres Kassenrezept für die gewünschte DiGA aus (z.B. „Mika“ für onkologische Patienten).
- Rezept bei der Krankenkasse einreichen: Sie reichen dieses Rezept (oder einen vom Arzt erhaltenen Freischaltcode) bei Ihrer Krankenkasse ein. Dies kann meist digital über die App der Kasse oder per Post erfolgen.
- App herunterladen: Nach der Genehmigung durch die Kasse laden Sie die entsprechende App aus dem Apple App Store oder Google Play Store auf Ihr Smartphone herunter.
- App aktivieren: Mit dem Freischaltcode, den Sie von Ihrer Krankenkasse erhalten, aktivieren Sie die Vollversion der App und können alle Funktionen nutzen.
Dieser einfache Prozess ermöglicht es Ihnen, moderne digitale Werkzeuge nahtlos in Ihren Behandlungsplan zu integrieren, ohne sich um die finanzielle Belastung sorgen zu müssen. Es ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie das deutsche Gesundheitssystem Innovationen für eine verbesserte Patientenversorgung zugänglich macht.
Das Wichtigste in Kürze
- Jeder Tumor ist einzigartig; ein molekulares Profiling ist der Schlüssel zu einer personalisierten Therapie.
- Das deutsche Gesundheitssystem bietet mit den ZPMs und Tumorboards eine Struktur, die Sie aktiv für sich nutzen können.
- Verwandeln Sie Wartezeiten in aktive Vorbereitungsphasen und nutzen Sie Ihr Recht auf eine Zweitmeinung, um fundierte Entscheidungen zu treffen.
Wie passe ich meine Vorsorge an mein persönliches Risikoprofil an statt Standardempfehlungen zu folgen?
Die personalisierte Medizin endet nicht mit dem Abschluss der Erstbehandlung. Im Gegenteil: Die durch das molekulare Profiling gewonnenen Erkenntnisse bilden die Grundlage für eine ebenso personalisierte Nachsorge und Rezidivprävention. Standardisierte Nachsorgepläne mit festen Intervallen für alle sind sinnvoll, aber ein an Ihr individuelles Risikoprofil angepasster Plan ist besser. Ihr einzigartiges Tumorprofil kann Hinweise darauf geben, wie wahrscheinlich ein Wiederauftreten der Erkrankung ist und auf welche Marker man achten sollte.
Ein vielversprechender Ansatz hierbei ist die sogenannte Liquid Biopsy. Dabei handelt es sich um eine hochentwickelte Blutanalyse, die winzigste Spuren von Tumor-DNA (ctDNA) im Blutkreislauf nachweisen kann – oft lange bevor ein Rezidiv in der Bildgebung sichtbar wäre. Durch regelmässiges Monitoring dieser spezifischen Marker aus Ihrem initialen Tumorprofil kann ein Wiederauftreten der Krankheit extrem früh erkannt werden, was die Behandlungschancen erheblich verbessert.
Dieser Paradigmenwechsel von einer reaktiven zu einer proaktiven, vorausschauenden Nachsorge gibt Ihnen ein hohes Mass an therapeutischer Souveränität zurück. Sie sind nicht mehr nur passiver Empfänger von Standarduntersuchungen, sondern gestalten Ihre Nachsorge aktiv auf der Basis Ihrer persönlichen biologischen Daten mit. Wie führende Experten betonen, ist die Zeit nach der Therapie entscheidend für die langfristige Kontrolle.
Nach der Therapie ist vor der Nachsorge: Das molekulare Profil kann für die Früherkennung eines Rezidivs genutzt werden, beispielsweise durch Monitoring via Liquid Biopsy.
– Prof. Dr. Melanie Börries, Direktorin Institut für Medizinische Bioinformatik und Systemmedizin, Universitätsklinikum Freiburg
Sprechen Sie mit Ihrem Onkologen über die Möglichkeiten einer personalisierten Nachsorgestrategie. Fragen Sie, ob die bei Ihnen identifizierten Marker für ein Monitoring mittels Liquid Biopsy geeignet sind. In Kombination mit den Daten aus Ihren DiGAs und einem gesunden Lebensstil schaffen Sie so ein engmaschiges Sicherheitsnetz, das weit über die Standardempfehlungen hinausgeht.
Fragen und Antworten zur personalisierten Krebstherapie
Habe ich ein gesetzliches Recht auf eine Zweitmeinung?
Ja, gemäss der Zweitmeinungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) haben Sie bei bestimmten onkologischen Eingriffen einen formalisierten Anspruch auf eine Zweitmeinung. Unabhängig davon ist es Ihr gutes Recht als Patient, jederzeit eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.
Welche Unterlagen benötige ich für eine Zweitmeinung?
Sie benötigen alle relevanten aktuellen und früheren medizinischen Dokumente. Dazu gehören insbesondere Arztbriefe, die Ergebnisse der Pathologie (Histologie-Befunde) und die radiologische Bildgebung (CT, MRT, PET) auf einer CD. Die Übermittlung an das Zweitmeinungszentrum erfolgt meist digital oder per Post.
Wann ist eine Zweitmeinung besonders wichtig?
Eine Zweitmeinung ist besonders ratsam bei seltenen Tumorarten, wenn es im erstbehandelnden Tumorboard keine einheitliche Empfehlung gab, vor sehr eingreifenden Therapien (wie grossen Operationen oder intensiven Chemotherapien), bei dem Vorschlag einer Off-Label-Therapie oder wenn das Vertrauensverhältnis zum behandelnden Arzt gestört ist.