Wohnzimmer mit Laptop am späten Abend, warmes Licht und Abendstimmung
Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Die ständige Verfügbarkeit im Home-Office ist keine Frage der Disziplin, sondern eine Falle der fehlenden psychologischen Trennung.

  • Räumliche und zeitliche Rituale signalisieren dem Gehirn aktiv den Feierabend.
  • Sensorische Anker wie Lichtwechsel oder eine bestimmte Musik verstärken den mentalen Übergang.

Empfehlung: Ersetzen Sie den vagen Wunsch nach „Abschalten“ durch ein konkretes, 5-minütiges Feierabend-Ritual, das Sie jeden Tag konsequent durchführen.

Der Laptop ist zugeklappt, aber der Kopf arbeitet weiter. Die E-Mail von 17:58 Uhr spukt Ihnen beim Abendessen im Kopf herum und die To-do-Liste für morgen entsteht bereits, während Sie eigentlich entspannen wollten. Dieses Gefühl der „Entgrenzung“, bei dem die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem verschwimmen, ist für viele Remote-Worker in Deutschland seit der Pandemie zur neuen, zermürbenden Normalität geworden. Ihr Arbeitsplatz ist nicht mehr nur ein Ort, sondern ein Zustand, der sich über das gesamte Wohnzimmer ausbreitet.

Die üblichen Ratschläge kennen Sie: „Setzen Sie sich feste Arbeitszeiten“ oder „Sorgen Sie für einen aufgeräumten Schreibtisch“. Diese Tipps sind gut gemeint, aber sie greifen oft zu kurz, weil sie das Kernproblem ignorieren. Was, wenn die eigentliche Herausforderung nicht Ihr Zeitmanagement, sondern die fehlende psychologische Entkopplung ist? Der Schlüssel liegt nicht darin, die Arbeit nur logistisch zu beenden, sondern sie auch mental und emotional hinter sich zu lassen. Es geht um bewusste Übergangsrituale, die Ihrem Gehirn unmissverständlich signalisieren: Jetzt beginnt die Freizeit.

Als Arbeitspsychologin mit Schwerpunkt auf Remote Work zeige ich Ihnen in diesem Artikel, wie Sie durch gezielte, praxiserprobte Strategien eine klare und nachhaltige Grenze ziehen. Wir werden uns nicht nur mit dem „Was“, sondern vor allem mit dem „Warum“ und „Wie“ beschäftigen, damit der Feierabend wieder zu einer echten Erholungsphase wird – selbst wenn Ihr Schreibtisch nur eine Armlänge vom Sofa entfernt ist.

Die folgenden Abschnitte bieten Ihnen einen strukturierten Leitfaden, um die Ursachen Ihrer Überlastung zu erkennen und mit konkreten Ritualen gegenzusteuern.

Warum arbeiten Sie bis 22 Uhr, obwohl Ihr Vertrag 40 Stunden vorsieht?

Die Antwort liegt oft in einem Phänomen, das Psychologen als „Autonomie-Paradoxon“ bezeichnen. Die gewonnene Flexibilität im Home-Office führt nicht automatisch zu weniger, sondern häufig zu mehr Arbeit. Ohne die äusseren Strukturen des Büros – den gemeinsamen Aufbruch der Kollegen, den Arbeitsweg als Pufferzone – werden die Grenzen porös. Die Arbeit dehnt sich unbemerkt in den Abend aus. Es ist nicht mangelnde Disziplin, sondern das Fehlen klarer Stopp-Signale. Man will nur „noch schnell diese eine E-Mail“ beantworten und findet sich zwei Stunden später immer noch am Schreibtisch wieder.

Diese schleichende Ausdehnung der Arbeitszeit wird durch eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit befeuert. Der digitale Arbeitsplatz kennt keinen Feierabend. Das führt dazu, dass Pausen geopfert werden, um das vermeintlich hohe Pensum zu schaffen. Eine aktuelle DGB-Befragung bestätigt diesen Trend: fast 46 Prozent der Heimarbeiter verkürzen ihre Pausen oder lassen sie komplett ausfallen. Dieses Verhalten ist ein erster Schritt in eine Spirale aus Überarbeitung und nachlassender Produktivität.

Die unbezahlten Überstunden sind dabei oft hausgemacht. Sie entstehen aus dem Gefühl, die eigene Produktivität beweisen zu müssen, wenn man nicht physisch im Büro präsent ist. Dieser „Präsentismus auf Distanz“ führt dazu, dass Sie mehr leisten, als vertraglich vereinbart und erwartet wird. Sie arbeiten nicht bis 22 Uhr, weil Ihr Chef es verlangt, sondern weil die fehlenden äusseren Grenzen eine innere Erwartungshaltung geschaffen haben, die Sie permanent unter Druck setzt.

Wie schaffe ich es, um 18 Uhr den Laptop zuzuklappen und wirklich Feierabend zu haben?

Das Zuklappen des Laptops ist ein physischer Akt, aber der wirkliche Feierabend beginnt im Kopf. Um die Arbeit mental zu beenden, benötigen Sie ein klares Übergangsritual. Dieses Ritual fungiert als Brücke zwischen Ihrem Arbeits-Ich und Ihrem Privat-Ich. Es signalisiert Ihrem Gehirn unmissverständlich, dass ein Zustand endet und ein anderer beginnt. Statt abrupt aufzuhören, schaffen Sie einen bewussten, psychologischen Abschluss des Tages.

Ein sehr wirksamer Ansatz ist die „Schreibtischhygiene“, wie sie die New-Work-Expertin Inga Höltmann praktiziert. Anstatt den Laptop einfach nur zu schliessen, räumen Sie aktiv auf: Werfen Sie alte Notizzettel weg, schliessen Sie alle Browser-Tabs und fahren Sie den Rechner bewusst herunter. Dieser Prozess der „räumlichen Dekontamination“ befreit Ihren Arbeitsplatz – und damit auch Ihren Kopf – von den Überbleibseln des Arbeitstages. Ein weiterer Trick ist die Einrichtung eines separaten „Afterwork“-Benutzerprofils auf Ihrem Computer für die private Nutzung, um eine klare digitale Trennung zu schaffen.

Noch stärker wird dieses Ritual, wenn Sie es mit einem sensorischen Anker verbinden. Unsere Sinne sind stark mit unserem Gedächtnis und unseren Emotionen verknüpft. Ein bewusster Wechsel der Sinneseindrücke kann den Übergang vom Arbeits- in den Freizeitmodus massiv unterstützen. Dies kann so einfach sein wie der Wechsel der Beleuchtung.

Eine Hand schaltet das kalte, blaue Arbeitslicht aus und das warme, goldene Wohnzimmerlicht an, was den Übergang von Arbeit zu Entspannung symbolisiert.

Wie auf dem Bild zu sehen ist, kann der Wechsel von hellem, kühlem Arbeitslicht zu einer warmen, gedämpften Abendbeleuchtung eine sofortige Veränderung der Atmosphäre bewirken. Kombinieren Sie dies mit einem bestimmten Duft (eine Duftkerze anzünden), einem Geräusch (eine spezielle „Feierabend“-Playlist starten) oder einem Geschmack (sich einen Lieblingstee aufbrühen). Diese wiederkehrenden Sinnesreize konditionieren Ihr Gehirn darauf, beim Eintreten dieses Reizes automatisch in den Entspannungsmodus zu schalten.

Soll ich ein separates Arbeitszimmer einrichten oder reichen feste Zeiten?

„Räumliche Trennung ist das A und O. Doch den Luxus eines eigenen Arbeitszimmers hat bei Weitem nicht jeder.“

– LWLcom GmbH, LWLcom Magazin

Diese Aussage bringt das Dilemma auf den Punkt. Ein separates Arbeitszimmer ist psychologisch die Ideallösung. Die geschlossene Tür ist die klarste physische und mentale Grenze, die Sie ziehen können. Sie verlassen den „Ort der Arbeit“ und betreten den „Ort des Lebens“. Diese Trennung erleichtert die psychologische Entkopplung enorm. Doch die Realität in vielen deutschen Wohnungen, besonders in Städten, sieht anders aus. Ein zusätzliches Zimmer ist oft ein unerreichbarer Luxus.

Wenn ein eigenes Arbeitszimmer keine Option ist, werden feste Arbeitszeiten zur unverzichtbaren Alternative. Die Frage ist also weniger „entweder/oder“ als vielmehr „Was ist unter meinen Umständen die beste Strategie?“. Beide Ansätze haben spezifische Vor- und Nachteile, die es abzuwägen gilt.

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen und basiert auf einer Analyse der Rahmenbedingungen für das Home-Office.

Vergleich: Separates Arbeitszimmer vs. feste Arbeitszeiten
Kriterium Separates Arbeitszimmer Feste Arbeitszeiten im Wohnbereich
Steuerliche Vorteile Absetzbar bei Mittelpunkt der beruflichen Tätigkeit Homeoffice-Pauschale 6€/Tag
Räumliche Trennung Sehr gut – Tür schliessen möglich Schwierig – Arbeitsplatz bleibt sichtbar
Kosten Höher (Miete, Einrichtung) Geringer
Flexibilität Weniger flexibel Sehr flexibel

Die Entscheidung hängt von Ihren Prioritäten und Möglichkeiten ab. Haben Sie keinen separaten Raum, ist die strikte Einhaltung fester Zeiten, kombiniert mit den bereits erwähnten Übergangsritualen, Ihre wirksamste Waffe gegen die Entgrenzung. Definieren Sie eine Arbeitsecke und „dekontaminieren“ Sie diese nach Feierabend konsequent, indem Sie Arbeitsmaterialien ausser Sichtweite verstauen. So schaffen Sie eine symbolische räumliche Trennung, auch wenn keine physische Wand vorhanden ist.

Warum antworten Sie sonntags um 20 Uhr auf Kunden-E-Mails, obwohl niemand es verlangt?

Dieses Verhalten hat selten mit den Erwartungen von Kunden oder Vorgesetzten zu tun. Meist ist es ein Symptom einer tief verankerten inneren Erwartungshaltung. Sie antworten nicht, weil Sie müssen, sondern weil Sie das Gefühl haben, ständig verfügbar und proaktiv sein zu müssen, um als engagiert und leistungsfähig wahrgenommen zu werden. Es ist der Versuch, eine gefühlte Schuld abzuarbeiten – die Schuld, nicht „sichtbar“ im Büro zu sein.

Dieser innere Antreiber wird als „mentale Last“ bezeichnet. Die unerledigte E-Mail im Posteingang erzeugt eine kognitive Spannung. Sie beantworten die Mail am Sonntagabend, um diese Spannung kurzfristig abzubauen und mit einem „sauberen“ Gefühl in die neue Woche zu starten. Kurzfristig fühlt sich das gut an, doch langfristig hat dieses Verhalten fatale Folgen: Sie trainieren Ihr Gehirn darauf, dass es keine echten Ruhephasen mehr gibt. Ausserdem konditionieren Sie Ihr Umfeld (Kunden, Kollegen) darauf, dass Sie auch ausserhalb der üblichen Geschäftszeiten erreichbar sind, und schaffen so einen Teufelskreis.

Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, müssen Sie aktiv Ihre eigene Erreichbarkeit managen und klare Grenzen kommunizieren – nicht nur nach aussen, sondern vor allem gegenüber sich selbst. Es geht darum, das Recht auf Nichterreichbarkeit als fundamentalen Teil Ihrer mentalen Gesundheit anzuerkennen. Die folgenden Strategien helfen dabei, diese Grenze konsequent zu ziehen:

  • Feste Arbeitszeiten klar kommunizieren: Informieren Sie Kollegen und wichtige Kunden proaktiv über Ihre Kernarbeitszeiten (z. B. in Ihrer E-Mail-Signatur). Eine Formulierung wie „Erreichbar Mo-Fr, 9-18 Uhr“ setzt einen klaren Rahmen.
  • Familie und Freunde einweihen: Machen Sie auch Ihrem privaten Umfeld klar, wann Sie arbeiten und nicht gestört werden möchten.
  • Geschäftliche Anrufe begrenzen: Führen Sie geschäftliche Telefonate ausschliesslich während Ihrer festgelegten Arbeitszeit.
  • Fokus trainieren: Konzentrieren Sie sich tagsüber voll auf die Arbeit, damit Sie abends mit gutem Gewissen abschalten können, weil Sie Ihr Pensum geschafft haben.
  • Sport als Termin blocken: Ein fester Sporttermin nach der Arbeit ist eine Verpflichtung, die Ihnen hilft, den Laptop pünktlich zuzuklappen.

An welchen 5 Warnsignalen erkenne ich, dass Home-Office meiner Gesundheit schadet?

Die Entgrenzung im Home-Office ist kein harmloses Komfortproblem, sondern kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Die ständige mentale Verbindung zur Arbeit verhindert die notwendigen Erholungsphasen, was zu chronischem Stress und schliesslich zu Burnout führen kann. Laut einer DGB-Studie geben 47 Prozent der im Home-Office Arbeitenden an, in ihrer Freizeit nicht richtig abschalten zu können. Dieser Zustand ist ein Nährboden für psychische und physische Beschwerden. Achten Sie auf die folgenden fünf Warnsignale, die Ihr Körper und Ihre Psyche Ihnen senden:

  1. Anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit: Sie fühlen sich selbst nach dem Wochenende oder einer Nacht mit ausreichend Schlaf nicht erholt. Die Müdigkeit ist tief und chronisch, weil Ihr Nervensystem ständig im „An“-Modus verbleibt und keine echte Regeneration stattfindet.
  2. Schlafstörungen: Sie haben Schwierigkeiten einzuschlafen, weil die Gedanken um die Arbeit kreisen. Oder Sie wachen nachts häufig auf und grübeln über berufliche Probleme. Qualitativ schlechter Schlaf ist eines der ersten und deutlichsten Anzeichen für chronischen Stress.
  3. Zunehmende Reizbarkeit und Zynismus: Kleine Störungen im Alltag bringen Sie schnell auf die Palme. Sie entwickeln eine zynische oder gleichgültige Haltung gegenüber Ihrer Arbeit, die Ihnen früher vielleicht Spass gemacht hat. Dies ist ein typischer Abwehrmechanismus der Psyche gegen Überlastung.
  4. Nachlassende Konzentration und Leistungsfähigkeit: Trotz längerer Arbeitszeiten schaffen Sie weniger. Ihnen unterlaufen mehr Fehler, und es fällt Ihnen schwer, sich auf komplexe Aufgaben zu fokussieren. Das Gehirn schaltet in einen Energiesparmodus, um sich vor weiterer Ausbeutung zu schützen.
  5. Sozialer Rückzug: Sie haben keine Energie oder Lust mehr, sich nach der Arbeit mit Freunden oder Familie zu treffen. Die sozialen Akkus sind leer. Hobbys und private Interessen werden vernachlässigt, weil die Arbeit alle mentalen Ressourcen aufbraucht.

Diese Symptome sind keine Zeichen von Schwäche, sondern ernstzunehmende Signale Ihres Körpers, dass eine Grenze überschritten wurde. Wenn Sie mehrere dieser Punkte bei sich beobachten, ist es höchste Zeit, aktiv gegenzusteuern und die in diesem Artikel beschriebenen Strategien zur Abgrenzung konsequent umzusetzen.

Wie starte ich mit Sport, wenn ich seit 10 Jahren nichts gemacht habe und keine Lust auf Fitnessstudio habe?

Die grösste Hürde für den Sporteinstieg nach langer Pause ist nicht der Körper, sondern der Kopf. Die Vorstellung von überfüllten Fitnessstudios, komplizierten Geräten und dem Druck, eine perfekte Leistung abliefern zu müssen, ist demotivierend. Der Schlüssel liegt darin, die Erwartungen radikal zu senken und Sport nicht als lästige Pflicht, sondern als wirksames Übergangsritual zu begreifen. Das Ziel ist nicht, sofort einen Marathon zu laufen, sondern eine einfache, zugängliche Aktivität zu finden, die den Kopf frei macht und den Arbeitstag physisch beendet.

Beginnen Sie mit etwas, das keine Vorbereitung, kein spezielles Equipment und keine Anfahrt erfordert. Der klassische Feierabendspaziergang ist hierfür ideal. Legen Sie eine feste Route von 20-30 Minuten fest und gehen Sie sie jeden Tag direkt nach der Arbeit. Dieser Spaziergang simuliert den alten Arbeitsweg und schafft eine physische Distanz zwischen Ihnen und Ihrem Schreibtisch. Der Effekt ist oft verblüffend, wie dieses Zitat verdeutlicht:

„Nach der Arbeit in die Laufschuhe zu schlüpfen finde ich auch deshalb gut, weil ich meinem Kopf und Körper signalisiere, dass die Arbeit vorbei ist. Wenn ich wieder Zuhause angekommen bin, ist der Laptop zu und was vorher mein Office war, ist für den Rest des Tages wieder mein Zuhause.“

Mit Vergnügen Magazin

Wenn Sie bereit für den nächsten Schritt sind, integrieren Sie kleine Bewegungseinheiten in den Alltag, anstatt sich zu einem grossen Workout zu zwingen. Die folgenden, niedrigschwelligen Ansätze helfen dabei, Bewegung zur Gewohnheit zu machen:

  • Die 40-15-5-Regel: Versuchen Sie, pro Stunde 40 Minuten zu sitzen, 15 Minuten zu stehen (z. B. an einem Stehpult oder der Küchentheke) und sich 5 Minuten aktiv zu bewegen (kurz dehnen, durch die Wohnung gehen).
  • Telefonate im Gehen: Führen Sie Videoanrufe oder Telefonate, bei denen Sie nicht auf den Bildschirm schauen müssen, bei einem Spaziergang im Freien oder auf dem Balkon.
  • Mikro-Workouts: Planen Sie alle 90 Minuten eine kurze Bewegungseinheit von 2-3 Minuten ein. Ein paar Kniebeugen, Armkreisen oder ein paar Yoga-Dehnungen reichen schon aus, um den Kreislauf in Schwung zu bringen.

Wie erstelle ich einen Wochenplan, der tatsächlich eingehalten wird – auch wenn Chaos ausbricht?

Ein Wochenplan im Home-Office scheitert selten am Plan selbst, sondern an seiner Rigidität. Das Leben – und die Arbeit – sind unvorhersehbar. Ein dringender Anruf, eine unerwartete Aufgabe, ein krankes Kind: Das Chaos ist die Norm, nicht die Ausnahme. Ein erfolgreicher Plan ist daher nicht der, der jede Minute verplant, sondern der, der eine starke Struktur mit flexiblen Puffern kombiniert. Er dient nicht als starres Korsett, sondern als psychologischer Anker, der Ihnen Orientierung gibt, wenn die Wellen hochschlagen.

Der Ansatz von Expertin Inga Höltmann, den Tag grob im Stundentakt zu strukturieren, ist hier sehr hilfreich. Legen Sie nicht nur fest, was Sie tun, sondern vor allem, wann Sie beginnen, wann Sie Pausen machen und wann Sie Feierabend haben. Blocken Sie diese Zeiten in Ihrem Kalender als feste Termine. Planen Sie ausserdem Pufferzeiten zwischen den Aufgabenblöcken ein, um auf Unvorhergesehenes reagieren zu können, ohne dass der gesamte Plan zusammenbricht. Legen Sie die wichtigsten und anspruchsvollsten Aufgaben (sogenannte „Deep Work“-Phasen) auf den Vormittag, wenn Ihre Konzentration am höchsten ist.

Doch der beste Plan ist nutzlos ohne einen klaren Abschluss. Das Ende des Arbeitstages muss ebenso bewusst geplant und exekutiert werden wie sein Beginn. Es braucht ein unmissverständliches Signal, das den Übergang markiert. Hierfür ist ein regelmässiger „System-Check“ am Ende jedes Tages entscheidend, um sicherzustellen, dass Sie die Arbeit nicht nur beenden, sondern auch mental abschliessen.

Ihr Audit-Plan für einen strukturierten Feierabend

  1. Digitaler Abschluss: Schliessen Sie bewusst alle arbeitsrelevanten Programme, Browser-Tabs und Dateien. Fahren Sie den Computer herunter, anstatt ihn nur in den Standby-Modus zu versetzen.
  2. Physischer Abschluss: Verstauen Sie den Laptop, die Notizblöcke und alle anderen Arbeitsutensilien in einer Schublade, einem Schrank oder einer Kiste. Schaffen Sie die Arbeit physisch aus Ihrem Blickfeld.
  3. Mentale Übergabe: Notieren Sie die eine, wichtigste Aufgabe für den nächsten Morgen auf einem Zettel. Damit „parken“ Sie den Gedanken und geben Ihrem Gehirn die Erlaubnis, loszulassen.
  4. Kommunikativer Abschluss: Ändern Sie Ihren Status in den Kommunikationstools (z.B. Slack, Teams) auf „Abwesend“ und aktivieren Sie eine automatische Antwort für Ihre E-Mails, falls nötig.
  5. Ritualisierter Start in den Feierabend: Leiten Sie den Feierabend mit einem festen Ritual ein (siehe Abschnitt 2). Dies ist das letzte, entscheidende Signal, das den Arbeitstag beendet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Schlüssel zum Abschalten im Home-Office ist nicht Disziplin, sondern die bewusste Gestaltung von psychologischen Übergangsritualen.
  • Sensorische Anker (Licht, Geräusche, Gerüche) und eine klare „Schreibtischhygiene“ helfen dem Gehirn, zwischen Arbeits- und Freizeitmodus zu unterscheiden.
  • Selbst ohne separates Arbeitszimmer können Sie durch feste Zeiten und das konsequente Verräumen von Arbeitsmaterialien eine wirksame mentale Grenze schaffen.

Wie erkenne ich, welcher Lebensbereich meine Probleme in anderen Bereichen verursacht?

Wenn Sie sich ständig müde fühlen, Ihre Hobbys vernachlässigen und die Beziehung zu Ihrem Partner leidet, liegt die Ursache oft nicht in diesen Lebensbereichen selbst. Häufig ist es ein einzelner, überfordernder Bereich, der wie ein schwarzes Loch Energie aus allen anderen Lebensdomänen abzieht. Im Kontext des Home-Office ist dieser „Energievampir“ fast immer die fehlende Grenze zur Arbeit. Die chronische Überarbeitung und die ständige mentale Präsenz im Job sind die Wurzel, aus der die Probleme in anderen Bereichen spriessen.

Die Studie des Collaboration-Anbieters Atlassian hat eindrücklich gezeigt, dass die verschwimmenden Grenzen im Home-Office für viele zu einem massiven Problem für die Work-Life-Balance werden. Die Schwierigkeit, sich abzugrenzen, führt direkt zu überlangen Arbeitszeiten und dem Ausfall von Pausen. Diese Dauerbelastung ist nicht nachhaltig. Zahlen des DGB für Deutschland zeigen, dass die Problematik der Überstunden weit verbreitet ist: Bereits vor der Pandemie arbeiteten rund 10 Prozent der Vollzeitbeschäftigten regelmässig mehr als die gesetzlich erlaubten 48 Stunden pro Woche – eine Zahl, die sich durch die Entgrenzung im Home-Office für viele noch verschärft hat.

Um die wahre Ursache zu erkennen, führen Sie ein einfaches Gedankenexperiment durch: Stellen Sie sich vor, Sie könnten ab morgen pünktlich um 17 Uhr den Laptop zuklappen und bis zum nächsten Morgen nicht mehr an die Arbeit denken. Welche Ihrer aktuellen Probleme würden sich dadurch verbessern oder sogar auflösen? Hätten Sie mehr Energie für Sport? Mehr Geduld für Ihre Kinder? Mehr Lust auf einen Abend mit Freunden? Wenn die Antwort auf diese Fragen „Ja“ lautet, haben Sie die Wurzel des Problems identifiziert. Es ist nicht Ihr Leben, das aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern die Arbeit, die sich unkontrolliert darin ausgebreitet hat.

Die Erkenntnis, dass ein Bereich die anderen dominiert, ist befreiend. Statt an zehn Fronten gleichzeitig zu kämpfen, können Sie Ihre Energie gezielt darauf verwenden, die eine entscheidende Grenze zu errichten: die zwischen Ihrer Arbeit und Ihrem Leben.

Beginnen Sie noch heute damit, eine bewusste Grenze zu ziehen, indem Sie eines der hier vorgestellten Rituale in Ihren Alltag integrieren. Ihre mentale und physische Gesundheit wird es Ihnen danken und Sie werden die Kontrolle über Ihre Zeit und Ihr Leben zurückgewinnen.

Geschrieben von Julia Weber, Julia Weber ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und seit 12 Jahren spezialisiert auf Burnout-Prävention, Resilienz-Training und Führungskräfte-Coaching. Sie arbeitet sowohl in eigener Praxis als auch als Beraterin für Unternehmen in Hamburg und Berlin.